Die Vereinten Nationen und nichtstaatliche Akteure – ein weites Forschungsfeld mit viel Potenzial

In Kiel hat das 6. UN-Forschungskolloquium stattgefunden

UN-Forschungskolloquium 2016 (21)

Bereits zum sechsten Mal fand vom 22.-24. April 2016 das jährliche Kolloquium der Arbeitsgemeinschaft Junge UN-Forschung statt, dieses Jahr unter dem Titel „Nichtstaatliche Akteure und die Vereinten Nationen“. In Kooperation mit dem Walther-Schücking-Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel diskutierten rund 25 Teilnehmer*innen insgesamt sieben Papiere.

Nichtstaatliche Akteure treten in verschiedenen Formen und unterschiedlichsten Politikfeldern auf. Neben lange etablierten Kooperationsbeziehungen zwischen NGOs und einzelnen Organen der Vereinten Nationen, insbesondere dem Wirtschafts- und Sozialrat, spielen nichtstaatliche Akteure heute auch in solchen Bereichen eine zunehmend wichtige Rolle, die lange als Domäne des Staates galten, so etwa in der Friedenssicherung. Zum einen nehmen sowohl Staaten als auch die Vereinten Nationen selbst zunehmend private Sicherheitsdienstleiter in Anspruch, um bestimmte Aufgaben in komplexen Friedensmissionen auszuführen. Zum anderen gilt es, bewaffnete Gruppen und andere lokale Akteure, die nicht an den Staat gebunden sind, in Friedensprozesse einzubinden.

Die Vielfalt nichtstaatlicher Akteure als Ausdruck einer „Privatisierung der Weltpolitik“ (Brühl, Debiel et al. 2001) betonte auch Prof. Dr. Andreas von Arnauld. In seinem Einführungsvortrag beschrieb der Direktor des Walther-Schücking-Instituts, in welchen ganz unterschiedlichen Zusammenhängen nichtstaatliche Akteure für die Vereinten Nationen eine Rolle spielen: Genau genommen seien bereits die Vereinten Nationen als internationale Organisation ein nichtstaatlicher Akteur, natürlich gehe es aber vor allem um Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und andere nichtstaatliche Gruppen, die es in den Blick zu nehmen gelte, wenn wir über das Thema „nichtstaatliche Akteure“ sprechen.

Aus völkerrechtlicher Perspektive, so von Arnauld, stellten sich vor allem zwei Fragen: Wie kann zum einen die Rechtsbindung solcher Akteure – seien es private Sicherheitsdienstleister, seien es Gewaltakteure – sichergestellt werden? Und welcher Akteur ist letztlich für einen bestimmten Geschehensablauf rechenschaftspflichtig? Hier berührt die Frage nach der Einbindung nichtstaatlicher Akteure das Thema unseres letzten Forschungskolloquiums, in dem es um Verantwortung und Verantwortlichkeit in den Vereinten Nationen ging. Von Arnauld arbeitete heraus, dass sich das Völkerrecht trotz vielversprechender Ansätze nach wie vor schwer damit tut, die vielfältigen Beziehungen zwischen nichtstaatlichen Akteuren, Staaten und internationalen Organisationen in der Sprache des (Völker)Rechts zu beschreiben: letztlich seien nichtstaatliche Akteure nach wie vor „die Anderen“ im orthodoxen Völkerrecht. Mit Blick auf die Governance-Debatten, die in der Rechtswissenschaft vor allem im Europarecht geführt werden, plädierte er für eine Öffnung.

UN-Forschungskolloquium 2016 (2)Derart eingestimmt formulierten die Teilnehmer*innen am nächsten Morgen im Rahmen einer kurzen Eröffnungsdiskussion zunächst das eigene Forschungsinteresse und tauschten sich über unterschiedliche Vorverständnisse zu dem Begriff „nichtstaatlicher Akteur“ aus, bevor sie in die Diskussion der einzelnen Papiere einstiegen. Bereits während der Eröffnungsdiskussion, aber vor allem dann durch die Präsentation der Papiere zeigte sich: Je nach Perspektive werden nichtstaatliche Akteure eher als positiv oder als negativ wahrgenommen. Das ist zunächst nicht verwunderlich: Wer sich mit NGOs beschäftigt, wird in der Regel nach ihren Teilhaberechten fragen, die grundsätzlich – trotz aller Kritik im Detail – als positiv für den Politikprozess angesehen werden. Dagegen sind nichtstaatliche Gewaltakteure an der ganz überwiegenden Mehrzahl bewaffneter Konflikte beteiligt und häufig auch zumindest eine Ursache solcher Konflikte. Geht es hier also vor allem um die Frage, wie solche Akteure einzuhegen sind, so werden NGOs vor allem aus der Perspektive einer möglichen Stärkung ihrer Position untersucht.

Wie in den Vorjahren wurden die Papiere nicht von den jeweiligen Autor*innen, sondern durch Diskutant*innen vorgestellt. Abgerundet wurde das Forschungskolloquium durch ein Rahmenprogramm mit Lokalbezug: Während eines Besuchs der German Naval Yards, Kiels größter Schiffswerft, die weithin das Stadtbild prägt, erhielten wir interessante Einblicke in die Arbeit eines international agierenden Unternehmens. Wirtschaftsunternehmen standen zwar nicht direkt im Fokus der einzelnen Papiere, sind aber selbstverständlich eine weitere Kategorie privater Akteure, die es zunehmend auch mit Blick auf die Vereinten Nationen in den Blick zu nehmen gilt.

Gedankt sei an dieser Stelle dem Walther-Schücking-Institut für die hervorragende Unterstützung und reibungslose Organisation. Mit Blick auf die Kieler Förde ließ es sich in einem entspannten Rahmen intensiv diskutieren. Hierfür danken wir natürlich vor allem den Teilnehmer*innen.

Hannah Birkenkötter

What Netflix’s Rita can teach us about the challenges to implement the right to inclusive education

by Julia Biermann

The definition of inclusive education, as entailed in the General Comment on Article 24 UN CRPD, offers an ambitious vision for the global change of education systems. This vision, however, not only challenges “old ways” of segregated special schooling, but often also attempts of inclusive schooling. The Netflix series “Rita” vividly captures this conundrum and, even more, provokes viewers to ask: does inclusive schooling require to partially separate students with special needs from their peers in special classrooms?

According to the recently released General Comment on Article 24 UN CRPD, inclusive education demands that all educational environments include and serve the needs of all students. From a position of moral and legal authority, the Committee on the Rights of Persons with Disabilities defines within this document the right to inclusive education accordingly as »a process that transforms culture, policy and practice in all educational environments to accommodate the differing needs of individual students, together with a commitment to remove the barriers that impede that possibility« (paragraph 9). Though setting clear expectations for the direction of educational change on a global scale, one could say that this vision is overloaded with vagueness. Too vague to alter the desired effects in schools?

Here, Rita comes into play; a free-spirited Danish teacher starring the eponymous Netflix series. Troubled by the intricacies of life and school, Rita fights courageously for her students, most often in rather unconventional ways. In terms of inclusion, this becomes evident in Season 3 which thematically deals with the politically backed, though troublesome, process of – as they say in the series – »integrating inclusion students with learning disabilities«. Not only is this process poorly resourced, it also pushes the limits of solidarity of nearly all involved parties; e.g. teachers, pupils and parents alike complain that »inclusion students« disrupt the class and thus slow down the other students‘ learning. To fight the resulting school-wide »inclusion blues«, Rita – a passionate inclusive education advocate – uses some of the little additional funding to create an extra space for the inclusion students in the school’s basement. This space allows them to retreat occasionally from the regular classroom. In addition, Rita collects donations for one student who wishes to return to a special school.

Given the actual circumstances, one could argue that this pragmatic solution responds to the needs of all students; in fact, the »inclusion students« are happy to have this space of their own. But, does this solution also correspond to the General Comment’s vision of transforming school culture at large? To be precise, does the occasional or partial separation of pupils with »special needs« respond to their individual needs, or does it, unnecessarily, establish barriers that prevent inclusive education?

Instead of answering this question, I want to make it the object of analysis, i.e. analysing the gap between inclusive education rhetoric and actual implementation practices in more detail. For that reason, I refer to the concept of the interregnum.

Originally used to denote the period of transition between two rulers, Gramsci has broadened and deepened this concept in his “Prison Notebooks”. Accordingly, the interregnum refers to the transition between two social orders that is characterised by morbid phenomena and a fundamental institutional crisis, summarised in the much-quoted key statement: ‘The old is dying, yet the new cannot be born’. (see also Zygmunt Baumann 2013)

It is not difficult to link this concept to the analysis at hand. Article 24 UN CRPD legally requires states to fundamentally change education systems and guarantee that all educational facilities can accommodate the needs of all students. This transition, however, »contains more friction than flows« (Levitt and Merry 2009, 448), because we witness globally the continuation or even expansion of special schools and classrooms (for Germany e.g. Klemm 2013). This trend is also reflected in the Committees Concluding Observations on State Party Reports. Overall, this paradoxical development points to an institutional crisis of schooling caused by the human right to inclusive education. For me, this institutional crisis can be traced to one particular aspect: The difficult role of (partial) separation in the wake of the inclusive imperative.

In conclusion, while segregated special schooling loses its legitimacy with Article 24 UN CPRD, the vision of inclusive education as ‘one classroom for all’ is far from being a reality. Even more, it has the power to plunge education systems into an institutional crisis. The question that remains is how to deal with this situation. For me, to openly acknowledge the “inclusion blues” would be a first step towards a deliberative process to realise inclusive education. Why? Because it would allow to advocate for inclusive education while at the same time accepting the challenges of implementing this fundamental human right – just as Rita did.

Ein erfolgreicher Jahresabschluss? Zur Syrien-Resolution des UN-Sicherheitsrats

von Hannah Birkenkötter

Am Freitag vor Weihnachten verabschiedete der UN-Sicherheitsrat einstimmig eine Resolution zu Syrien, die konkrete Schritte zur Befriedung des Konflikts vorsieht. Es ist die erste Resolution zu Syrien, die politische Maßnahmen enthält: Ein Waffenstillstand und Friedensverhandlungen sollen den Weg hin zu einer Übergangsregierung und letztlich Neuwahlen ebnen. Maßnahmen gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS) bleiben von diesem Prozess unberührt. Die Nachricht bildete den Höhepunkt eines ereignisreichen Jahresabschlusses, in dem die Vereinten Nationen und insbesondere der Sicherheitsrat – anders als häufig wahrgenommen – als Krisenmanager internationaler Konflikte auftraten.

Während die einen die Syrien-Resolution als Meilenstein feiern, sind andere Stimmen kritisch: Denn die Resolution stellt weder klar, welche Gruppen an den Friedensverhandlungen beteiligt werden sollen, noch bezieht sie eindeutig zu der Rolle von Bashar al-Assad Stellung. Letzteres sehen vor allem, und wenig überraschend, verschiedene syrische Rebellengruppen kritisch. Zugleich hatte Russland klargestellt, nur eine offene Formulierung zu akzeptieren. Wenn diese beiden Fragen aber offen sind, was ist dann der Inhalt der Resolution?

Vor allem legt die Resolution fest, dass überhaupt ein Waffenstillstand herbei- und Friedensgespräche geführt werden sollen. Dazu sieht sie in ihrem Absatz 2 einen Zeitplan vor: Bereits im Januar 2016 soll der Generalsekretär der Vereinten Nationen Gespräche zwischen der syrischen Regierung und der Opposition initiieren. Dabei wird nicht näher bestimmt, welche Oppositionsgruppen in diese Verhandlungen einbezogen werden sollen. Aber immerhin wird ein konkreter Zeitpunkt benannt. Und darüber hinaus werden auch weitere zeitliche Meilensteine ins Auge gefasst: Paragraph 4 der Resolution sieht vor, dass binnen sechs Monaten ein durch die Vereinten Nationen unterstützter und syrisch geführter Prozess eine glaubwürdige und keiner Religion unterstehende Governance-Struktur hervorbringen soll. Entsprechende Verhandlungen finden  in Genf ab dem 25. Januar 2016 statt. Darüber hinaus postuliert die Resolution im gleichen Absatz das Ziel, binnen 18 Monaten freie und faire Wahlen auf der Basis einer in der Zwischenzeit erarbeiteten neuen Verfassung abzuhalten.

All das klingt ambitioniert. Neu sind die Ideen zur politischen Lösung allerdings nicht. Bereits 2012 hatte die Internationale Unterstützergruppe für Syrien (International Syria Support Group), ein loser Zusammenschluss der fünf Veto-Mächte, der Arabischen Liga, verschiedener Staaten aus dem Nahen und Mittleren Osten, Deutschland, Italien und der Europäischen Union, eine Neuordnung der syrischen Verfassung unter einer Übergangsregierung gefordert. Diese Forderung wurde von der Gruppe am 14. November 2015, nur einen Tag nach den Anschlägen in Paris, in einer weiteren Erklärung bekräftigt. Über diese Dokumente geht der Inhalt der Resolution nicht hinaus. Neu sind aber der konkrete Zeitplan und natürlich die Form der Sicherheitsratsresolution: Zwar handelt es sich nicht um eine Resolution nach Kapitel VII, es wird also kein konkreter Eingriff, schon gar nicht militärischer Art, in den Konflikt autorisiert. Allerdings ändert das nichts an der Rechtsverbindlichkeit der Resolution (Abs. 113-114). Und darüber hinaus kann der Symbolwert einer Resolution des UN-Sicherheitsrats, die einstimmig verabschiedet wurde, gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, nachdem verschiedene Versuche in der Vergangenheit stets gescheitert waren.

Zuletzt bezieht die Resolution auch eindeutig Stellung gegenüber dem sogenannten Islamischen Staat (IS). Paragraph 8 ist ausschließlich dem IS gewidmet und bezieht sich auf Resolution 2249, die in der Woche nach den Pariser Anschlägen verabschiedet wurde. Andere haben bereits (etwa hier) festgestellt, dass der Text dieser Resolution bestenfalls uneindeutig ist: Während die Resolution nicht unter Kapitel VII verabschiedet wurde, autorisiert sie doch „alle notwendigen Maßnahmen“, freilich in Einklang mit internationalem Recht, um speziell terroristische Anschläge des IS zu verhindern (Paragraph 5). Diesen Aufruf wiederholt die Resolution zu Syrien und stellt darüber hinaus klar, dass ein etwaiger Waffenstillstand ausdrücklich nicht für Angriffs- oder Verteidigungshandlungen gegen den IS gelten soll. Ganz im Gegenteil: Die Resolution macht sehr deutlich, dass die Bekämpfung des internationalen Terrorismus, und insbesondere des IS, weiterhin höchste Priorität hat.

Hier lässt sich eine Parallele zu einem weiteren Jahresabschluss-Highlight des Sicherheitsrats ziehen: Nur einen Tag vor der Syrien-Resolution wurde ein Friedensabkommen zwischen den libyschen Konfliktparteien unterzeichnet, nach über einem Jahr harter Verhandlungen. Der Sondergesandte der Vereinten Nationen für Libyen, Martin Kobler, war zuletzt mit der Aushandlung dieses Friedensabkommens beauftragt gewesen. Kobler erklärte, dass der Kampf gegen den IS, der auch in Libyen aktiv ist, ein großes Konsensthema gewesen sei. Ebenso spielte auch in den Verhandlungen um die Syrien-Resolution die Einigkeit aller Parteien, den IS mit schärfsten Mitteln bekämpfen zu müssen, eine nicht unerhebliche Rolle. Erst ein Akteur also, der sich bewusst außerhalb der geltenden Völkerrechtsordnung stellt, hat ein Minimum an Konsens und einen ersten Baustein zur Befriedung eines der grausamsten Konflikte der letzten Jahre hervorgebracht. Das ist die Ambivalenz eines vordergründig erfolgreichen Jahresabschlusses.

Mit einer App gegen den Welthunger?

Ein etwas polemischer Zwischenruf

von Carolin Anthes

Fast zu schön um wahr zu sein: „Du hast etwas gegen den Hunger in der Welt. Dein Smartphone.“ – „Hunger beenden mit einer App und der UNO: mit nur 40 Cent!“ Bitte wie? ShareTheMeal, eine Initiative und Non-Profit-App in Partnerschaft mit dem UN Welternährungsprogramm (World Food Programme, WFP), ermöglicht es Smartphone Usern mit einer Spende von nur 40 Cent „Mahlzeiten mit einem Kind in Not zu teilen“. Im Klartext heißt das: Ein hungerndes Kind wird mithilfe dieser 40 Cent einen Tag lang im Rahmen von Schulspeisungen durch das WFP ernährt. Zielland ist aktuell Lesotho im Süden des afrikanischen Kontinents.

Seit dem deutschlandweiten Launch der App – deren Wiege in der Berliner Gründerszene liegt – überschlagen sich einschlägige Medien mit Lobeshymnen. ZEIT Wissen spricht von einer „brillanten Idee“, das Start-Up-Magazin The Hundert sieht hier eines von 100 aufstrebenden deutschen Start-Ups am Werk und WIRED Deutschland zeichnet ShareTheMeal als eine von „15 Ideen für eine bessere Welt 2015“ aus (siehe Facebook-Seite von ShareTheMeal). Die Ambitionen der Erfinder sind schließlich auch beeindruckend. Sie wollen nichts Geringeres als “den weltweiten Hunger möglichst effizient und effektiv [zu] bekämpfen“ und ihn damit „für immer beenden“.

So sehr ich die Vision, das Ziel und das Engagement der Köpfe, die hinter der App stecken, schätze und teile, so naheliegend sind für mich einige große und sehr plastische Fragezeichen.

Ursachenanalyse: Wer hungert und wieso?

Zählt man die an „verborgenem Hunger“ d.h. an Mikronährstoffmangel leidenden Menschen mit, hungern aktuell weltweit zwei Milliarden Menschen. Wenn wir den Welthunger effektiv und damit für immer beenden wollen, ist die erste zentrale Frage, worin er wurzelt, was die zugrundeliegenden Ursachen und Strukturen sind, die dauerhaft einem Drittel der Weltbevölkerung die angemessene Ernährung verwehren. Mittlerweile sind detaillierte Ursachenanalysen allgemein zugänglich – jede_r von uns kann sich mit nur ein paar Mausklicks darüber informieren und vor Augen führen, dass wir eigentlich über ausreichende Ressourcen verfügen, um die Weltbevölkerung zu ernähren. Die chronische Welternährungskrise ist also keinem Mangel an Nahrungsmitteln geschuldet – was die einflussreichen Agrarkonzerne mit ihrem Fokus auf Produktivitätssteigerungen mittels exportorientierter, industrieller Landwirtschaft verschweigen – sondern u.a. Folge der Unterdrückung und Marginalisierung bestimmter Personengruppen, die in Armut leben und unter historisch nachzeichenbarer Verteilungsungerechtigkeit leiden. Die Hungernden haben teils über Generationen hinweg keinen ausreichenden Zugang zu Nahrung und produktiven Ressourcen, wie Land, Saatgut, Krediten oder zu zusätzlichem Einkommen. Sie können somit als Kleinbauern weder ausreichend Nahrung für sich selbst anbauen, noch auf den Märkten kaufen. Schätzungen zufolge leben dabei 80% der weltweit Hungernden im ländlichen Raum und sind Kleinbäuer_innen, Landlose, Fischer_innen, Jäger_innen und Hirt_innen, darunter in großer Mehrheit Frauen (70%). Indigene Völker sind ebenfalls vielfach betroffen. Was sie alle oftmals eint ist die Erfahrung von Landenteignungen, Vertreibungen, Diskriminierung, Machtlosigkeit und mangelndem politischen Einfluss. Weder Politik noch Wirtschaft haben in den vergangenen Jahrzehnten effektive Maßnahmen zum Abbau dieser Marginalisierung umgesetzt, stattdessen ist der Status quo durch verfehlte und schlichtweg ungerechte globale und nationalstaatliche Handels-, Agrar-, und Finanzpolitik zementiert worden.

Wenn wir uns dies vor Augen halten und begreifen, dass der chronische Hunger in unserer Welt strukturellen Ursachen von politischer, sozialer und ökonomischer Dimension geschuldet ist, dann stellt sich die Frage, wie über eine Spenden-App diese Strukturen „effektiv und effizient“ angegangen werden sollen. So sehr ich mit Brechts Keuner-Zitat „Eher nämlich wird ein Gebirge durch eine einzige Ameise beseitigt als durch das Gerücht, es sei nicht zu beseitigen” sympathisiere, so eindeutig bin ich geneigt festzustellen, dass ShareTheMeal dem zu kurz greifenden Paradigma der Symptombekämpfung verhaftet bleibt. Tatsächlich angezeigt ist stattdessen ein massiver Ruck, der durch die internationale und nationale Politik gehen muss, das im (Völker-)recht verankerte Menschenrecht auf angemessene Nahrung eines jeden Menschen in der Praxis zu garantieren. Diese Forderung geht weit über freiwillige, punktuelle und höchst volatile Spenden via privater Smartphones hinaus.

Globale Öffentlichkeit aber kein Verpflichtungsgefühl

Sicherlich könnte man argumentieren, dass hier mittels Smartphone-Nutzung und der damit einhergehenden Social Media-Vernetzung eine neue, globale Öffentlichkeit angeregt wird, ihren Teil dazu beizutragen, das Hungerproblem zu lösen. Möglich ist, dass die ShareTheMeal App mehr Aufmerksamkeit – auch gerade einer jüngeren Zielgruppe – auf das globale Hungerproblem lenkt und vielleicht sogar eine neue Form von kosmopolitischer Solidaritätsbekundung darstellt. Mit jedem Klick, mit jeden gespendeten 40 Cent zeige ich auch, dass ich das Problem und meine eigene Verantwortung anerkenne und nicht mehr ignoriere.

Die Kundenrezensionen bei amazon.de, wo die App kostenlos zum Download zur Verfügung steht, sprechen allerdings eine dezent andere Sprache: „Schnell kann man mal für einen beliebigen Zeitraum ein Kind mit zwei Mahlzeiten versorgen, ohne irgendwelche Verpflichtungen einzugehen“ – oder: „Funktioniert ganz einfach und mit kleinen Beiträgen, die nicht wehtun, immer dann, wenn einem gerade danach ist, etwas zu teilen.“ Hieraus spricht nicht gerade ein dauerhaftes Verantwortlichkeits- oder Verpflichtungsgefühl der User. Und das, obwohl ShareTheMeal in den FAQ deutlich macht: „Mithilfe Deiner Spende werden Kinder ernährt, die sonst keine Mahlzeiten bekommen würden.“ Ein User beschwert sich über die Datengröße der App und kommentiert lapidar: „Da bleiben die Kinder eben hungrig, wenn die App schon alles verschlingt.“

Zur nachhaltigen Hungerbekämpfung bedarf es mehr

Die App gehorcht eben auch den Gesetzen des Market(ing)s und muss Spaß machen, keinesfalls anklagen oder ein schlechtes Gefühl auslösen. Sie arbeitet mit einem Belohnungssystem, das mich ein wenig an die Tamagotchis der 90er Jahre erinnert, die man auch per Knopfdruck alle paar Stunden füttern musste. Nach dem Klick sehe ich ein Foto von glücklichen Kindern in Lesotho. Dabei vermeidet es die App darauf einzugehen, warum es die hungernden Kinder überhaupt gibt, mit denen ich meine Pizza, mein argentinisches Rumpsteak oder meinen Zander in Safranjus „teile“ (was sich dann in der Praxis in Maisbrei übersetzt). Was in der Welt schief läuft. Wie mein Wohlstand extrem eng mit den Verhältnissen im fernen Lesotho verknüpft ist. Und wie ich z.B. als Konsumentin Druck auf Politik und Wirtschaft ausüben könnte. Oder aufgeklärt werden könnte, wie viel Prozent der produzierten Nahrungsmittel wir im globalen Norden verschwenden und ungenutzt wegwerfen. Stattdessen darf ich mein Gewissen per Klick erleichtern und mich, wenn mir der Sinn danach steht, auch gerne noch auf Facebook selbst inszenieren: „Wie sieht Euer ShareTheMeal-Moment aus? Postet ein Foto für unser neues Facebook Album #ShareTheMeal“. Ist eine solche Selbstinszenierung tatsächlich der Weg, „den Kampf gegen den Welthunger [zu] revolutionieren“?

Zur nachhaltigen Hungerbekämpfung bedarf es mehr. Mehr auf den Ursachenanalysen aufbauendes Handeln von politischen Entscheidungsträgern ebenso wie von uns Konsument_innen. Mehr auf Dauer angelegtes Engagement, aus der Erkenntnis heraus, dass hungernde Kinder kein Fall für Wohltätigkeit sind, sondern für verpflichtendes Handeln von Staaten, Unternehmen und letztlich auch uns selbst. Hieran führt kein Weg vorbei. Eine Welt ohne Hunger ist nicht ohne wirkliche Anstrengung und ein konsequentes, kritisches Hinterfragen unseres eigenen Lebensstils und dessen historischen sowie systemischen Grundlagen zu haben. Dazu bedarf es (leider) mehr als eines Smartphones in der Hand.

(Alle Zitate sind der ShareTheMeal-App selbst bzw. ihrer Website, Facebook- oder amazon.de-Seite entnommen.)

Die gemeinsame, aber unterschiedliche Verantwortung: Countdown in Paris für eine „neue“ geteilte Verantwortung?

von Mariam El-Zein

Bis heute spielt das Prinzip der Common but Differentiated Responsibility (Die gemeinsame, aber unterschiedliche Verantwortung, CBDR) im Rahmen der internationalen Klimakonferenzen und der Post-2015-Verhandlungen eine bedeutende Rolle. Das CBDR-Prinzip gilt als Höhepunkt der Rio-Erklärung über Umwelt und Entwicklung (Rio Declaration on Environment and Development, Prinzip 7) der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung (United Nations Conference on Environment and Development, UNCED), in der die damaligen Staaten ihre unterschiedliche Verantwortung anerkannt haben, Klimaschutzmaßnahmen im Hinblick auf das Ausmaß der von ihnen verursachten Erderwärmung einzuleiten. Neben der Rio-Erklärung wurde das Prinzip der CBDR im Rahmenübereinkommen der UN über Klimaänderungen (United Nations Framework Convention on Climate Change, UNFCCC) aus dem Jahr 1992 festgeschrieben, in der es um den Bestandteil der respective capabilities ergänzt worden ist (CBDR-RC, Art. 3.1) .

Der wesentliche Kernbestand der CBDR-RC besteht darin, dass Kosten und Lasten für den Klimaschutz zwischen den Staaten gemäß ihrer Entwicklung gerecht aufgeteilt werden (Martens 2014b). Bis jetzt ist die von der UNFCCC vorgenommene dichotome Unterscheidung zwischen Industriestaaten (Annex I countries) und Entwicklungsländern (non-Annex I countries) ein wesentliches Element der internationalen Klimakonferenzen, in der Erstere als Hauptverursacher der globalen Erderwärmung eine wesentliche Rolle in der Finanzierung und Ausgestaltung nachhaltiger Entwicklung spielen (Honkonen 2009: 260). Entwicklungsländer werden damit von Industriestaaten im Ausbau ihrer Infrastruktur sowie ihrer Energieversorgung unterstützt. Sie bemühen sich um Klimaschutz, jedoch steht ihre (wirtschaftliche und politische) Entwicklung und die damit einhergehende Armutsbekämpfung im Vordergrund (Dembowski 2015: 7; UN 1992).

Das bis heute bedeutendste Beispiel für die Umsetzung der CBDR-RC ist das im Jahr 1997 verfasste und rechtsverbindliche Kyoto-Protokoll, das im Zentrum der dritten UN-Klimakonferenz (COP 3) stand. Es übernimmt die zweigliedrige Differenzierung zwischen den Mitgliedstaaten der UNFCCC und legt verbindliche Zielwerte für die Reduzierung von Treibhausgasen für die Industriestaaten fest, wobei es keine Reduzierungsziele für non-Annex I-Staaten vorsieht (Rajamani 2000: 126). Mit dem Scheitern der Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 (COP 15) einigten sich die Mitgliedstaaten auf der Klimakonferenz in Durban im Jahr 2011 (COP 17) auf eine zweite Verpflichtungsperiode des ursprünglich im Jahr 2012 auslaufenden Kyoto-Protokolls, das schließlich auf der Klimakonferenz in Doha (COP 18) bis zum Jahr 2020 verlängert worden ist. Dadurch stellt ein Nachfolgeabkommen nach wie vor einen Schwerpunkt in der internationalen Klimadiplomatie dar, das 2015 auf der 21. Klimakonferenz in Paris (COP 21) verabschiedet werden soll.

Damit aber auch weiterhin das Prinzip der CBRD-RC als ein Eckpfeiler internationaler Klimapolitik Bestand hat, muss die bisherige Unterscheidung in zwei Staatengruppen überdacht werden, da sie nicht mehr der aktuellen Entwicklung einzelner Staaten entspricht. Zudem ist festzustellen, dass die internationale Klimapolitik eine zunehmende Renationationalisierung erfährt, da einzelne Staaten sich vermehrt auf nationale Positionen zurückziehen. Dies macht ihre Entwicklung als Ganzes problematisch. Dabei kann langfristig nur eine gemeinsame, internationale Klimapolitik für Nachhaltigkeit bei der Senkung der Erdtemperatur um 2 Grad Celsius gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung sorgen. Dies ist das sogenannte „2-Grad-Ziel“.[1]

Aufgrund dieser Gegebenheiten wird das wesentliche Problem der internationalen Klimadiplomatie deutlich: es besteht darin, dass sowohl Industriestaaten als auch Entwicklungs- und Schwellenländer weitestgehend versuchen, sich nicht auf international verbindliche Klimaverpflichtungen einzulassen. Hiermit verbunden ist zugleich die Befürchtung, dass bei wirksamen Klimaschutzbemühungen eines Staates andere Länder als „Trittbrettfahrer“ hiervon profitieren könnten, ohne für sich selbst Maßnahmen wirksam einzuleiten (Dembowski 2015: 7). Zudem waren die letzten Klimakonferenzen seit Kopenhagen davon gekennzeichnet, dass Entwicklungs- und Schwellenländer (z.B. Gruppe China/G77-Staaten) die bisherige zweigliedrige Differenzierung der zwei Staatengruppen − und damit das CBDR-RC-Prinzip − weitestgehend unverändert beibehalten wollten, während Industrieländer eine Reformierung einforderten (Martens 2014a: 5). Beispielsweise beriefen sich China und Indien auf ihren Status als „Entwicklungsland“ innerhalb des Klimaregimes, wonach Klimaschutz nicht zu Lasten ihrer eigenen Entwicklung gehen dürfte. Schließlich machten sie Industriestaaten für die Erderwärmung verantwortlich, die ihre historische Verantwortung bei der Eindämmung von Treibhausgasemissionen tragen müssten.

Die Klimakonferenz in Paris wird also davon bestimmt sein, nach welchen Kriterien einzelnen Staatengruppen Rechte und Pflichten zur Vermeidung eines weiteren Fortschreitens des Klimawandels zugewiesen werden können. Hierbei wird es unvermeidlich sein, die steigende wirtschaftliche Leistungsfähigkeit von Schwellenländern wie China und Indien sowie ihre hiermit verbundene erhöhte Freisetzung von Treibhausgasen zu berücksichtigen und damit die bisherige Differenzierung zwischen Annex I– und non-Annex-I-Staaten aufzugeben (Martens 2014a: 15, Abb. 1). Ein erster Schritt hin zu einer Reformierung des Klimaregimes – und somit für ein erweitertes Verständnis einer geteilten Verantwortung − erfolgte durch die Gründung der Ad-Hoc Working Group on the Durban Platform for Enhanced Action (ADP, 2011), die auf der Klimakonferenz in Durban (2011) gegründet worden ist und anstrebt, bis zur Klimakonferenz im Jahr 2015 ein Protokoll, ein anderes rechtliches Instrument oder ein vereinbartes Ergebnis mit Rechtswirkung auszuarbeiten, das für alle Parteien in der Konvention gültig sein und auf der Klimavertragskonferenz in Paris für einen Klimavertrag verabschiedet sowie 2020 in Kraft treten soll (UN-Dok. FCCC/ CP/2011/9/Add.1).[2]

Mariam_Abb 1 mit Überschrift und QuelleAllerdings schwächte die von der ADP auf der Klimakonferenz in Warschau (COP 19) beschlossene Entscheidung „Further advancing the Durban Platform“ im Jahr 2013 dieses Ziel, eine für alle Staaten gerechte Lastenverteilung für den Klimaschutz aufzustellen. Es ist lediglich die Rede von „beabsichtigten national bestimmten Beiträgen“ („intended nationally determined contributions“), die auf sogenannte „bottom-up-Verpflichtungen“ hindeuten, wonach Staaten ihre Klimaschutzmaßnamen an ihren nationalen Gegebenheiten orientieren, sodass sie sich nicht auf den erforderlichen Bedarf von globalen Emissionsreduktionen stützen müssen (Fuhr et. al. 2013; UN-Dok. FCCC/CP/2013/10/Add.1, 2.b). Entsprechend ist der gewählte Titel der ADP-Entscheidung eher irreführend, da nicht das Mandat von Durban vorangetrieben, sondern „entkräftet“ wird (Fuhr et al. 2013). Dies erschwert die Absicht, eine neue geteilte Verantwortung auszuarbeiten, die für alle Staaten Pflichten vorsieht und erstmals neben Industriestaaten Schwellenländer mit einer erhöhten wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und Emissionsausschüttung berücksichtigt, die sich neben einer Reduzierung ihrer Emissionen schrittweise an der Finanzierung einer nachhaltigen Entwicklung beteiligen sollen.

Es ist mit aller Wahrscheinlichkeit zu erwarten, dass es auf der Klimakonferenz in Paris nicht zu einem Klimavertrag kommen wird, der einen „top-down“-Ansatz vorsieht – das heißt konkrete Regeln für einen Klimaschutz, der für alle Mitgliedstaaten rechtsverbindlich ist. Vielmehr ist mit einer Lösung zwischen „top-down“ und „bottom-up“ zu rechnen, wobei Letztere eher einen Schwerpunkt des Klimaabkommens bilden wird (Klingenfield 2015: 160; Weischer/Kreft 2014: 102). Demnach wird der nationale Kontext von besonderer Bedeutung sein, der an die Klimaschutzversprechen der einzelnen Staaten gekoppelt sein und daher im zukünftigen Klimaabkommen einen wesentlichen Abschnitt bilden könnte (Weischer/Kreft 2014: 102). Im rechtlich verbindlichen Abschnitt des Abkommens könnten dann schwache Regeln für das Messen, Berichten und Verifizieren der Umsetzungsschritte festgelegt werden (Loster/Bals 2015: 11). Dieses mögliche Szenario kann dahingehend bestätigt werden, dass sich seit der Klimakonferenz in Kopenhagen zunehmend Mitgliedstaaten innerhalb der UNFCCC durchgesetzt haben, die gegen eine strenge Verbindlichkeit beim Klimaschutz und entsprechend eine Schwächerung supranationaler Institutionen in diesem Bereich bevorzugen (Klingenfield 2015: 160). Es kann also von einer Art Renationalisierung der Klimapolitik gesprochen werden, in der internationale Verhandlungen zu einem Koordinationsforum für unabhängige klimapolitische Ziele und deren Umsetzung werden (Klingenfield 2015: 160). Diese Renationalisierung zeigt sich bereits darin, dass Staaten eigene Klimaziele definieren. Auch die in der Mehrzahl der Klimaverhandlungen einem Klimaschutz eher abwertend gegenüberstehenden großen Emittenten China, USA und Indien haben bereits in der UNFCCC eine Reduzierung ihrer Treibhausgase angekündigt. Diese werden jedoch für eine effektive Reduzierung an Treibausgasen nicht ausreichen, um das „2-Grad-Ziel“ zu erreichen (Weischer/Kreft 2014: 104).

Dennoch können in diesem Fall Zeitpläne für Klimaschutzmaßnahmen auschlaggebend sein, die an den jeweiligen nationalen Kontext der Mitgliedstaaten angepasst werden müssten (Weischer/Kreft 2014: 104). Von Vorteil wäre, wenn in diesen Zeitplänen das jeweilige Emissionsbudget der Staaten berücksichtigt würde, also wie viel an Emissionen einzelne Staaten noch verbrauchen dürfen, um das „2-Grad-Ziel“ tatsächlich zu erreichen (Weischer/Kreft 2014: 104). Hier könnten Industriestaaten ihre historische Verantwortung nicht nur durch Senken ihrer CO2-Emissionen tragen, sondern dieser durch stärkere finanzielle Zusagen gerecht werden. Hierfür kann der im Jahr 2010 in Cancún (COP 16) eingerichtete Green Climate Fund auschlaggebend werden, der eine zentrale Koordinierungsrolle im Klimaschutz darstellen kann, wobei seine finanzielle Höhe auch von konkreten Umsetzungen an Klimamaßnahmen seitens der Entwicklungsländer abhängig ist und sein wird (Klingenfield 2015: 158, UN-Dok. FCCC/CP/2010/7/Add.1).[3] Dies wird sich jedoch als schwierig erweisen, da entwickelte Länder ihren Anteil an Emissionen bereits verbraucht haben. Daher ist eine Lösung notwenig, die sich beispielsweise am Pro-Kopf-Einkommen der Staaten orientiert und größere Spielräume für Industriestaaten ermöglicht, um einen Konsens innerhalb des Klimaregimes zu errreichen.

Daneben müssen Anreize für die Vertragsparteien geschaffen werden, Klimaschutz zu betreiben. Dies gilt insbesondere für Entwicklungs- und Schwellenländer, die − wie Indien − erheblich vom Anstieg der globalen Erdtemperatur betroffen sein werden. Dementsprechend müssen sich Letztere von einem Wachstum verabschieden, das durch fossile Brennstoffe gefördert wird, da sie andernfalls mit schweren Umwelt- und Gesellschaftskrisen konfrontiert sein werden, die ihre bisherigen Fortschritte infrage stellen können (Klingenfield 2015: 155-156).

In der UNFCCC steht zum einen die gemeinsame Verantwortung im Fokus, der globalen Erderwärmung entgegenzutreten und Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel zu entwickeln. Zum anderen bildet die geteilte Verantwortung einen Schwerpunkt des Klimaregimes, die für die Klimaverhandlung in Paris von wesentlicher Bedeutung sein wird und im Hinblick auf ihre Einteilung in die zwei Staatengruppen „Industriestaaten“ und „Entwicklungsländer“ nicht mehr zeitgemäß ist. Daher wird es für die Mitgliedstaaten in Bezug auf die Arbeiten der ADP darum gehen, ein erweitertes Verständnis der geteilten Verantwortung auszuarbeiten und zu beschließen, das nach relativer Leistungsfähigkeit zwischen Staaten differenziert und damit Spielraum schafft, Schwellenländer verstärkt an Klimaschutzmaßnahmen zu beteiligen (Klingenfield 2015: 156). Dies ist im Hinblick auf das „2-Grad-Ziel“, das in den kommenden Jahrzehnten von großer Relevanz sein wird, von Bedeutung, da bereits das Jahr 2014 als das global wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1880 gilt und 9 der 10 wärmsten Jahre seit Beginn dieser Auszeichnungen im 21. Jahrhundert registriert werden konnten (IPCC 2014 ; Klingenfield 2015: 156; Loster/Bals 2015: 9). Infolgedessen ist und wird ein aktives Handeln der Staatengemeinschaft unabdingbar sein, um den Lebensraum der jeweiligen Bevölkerung einzelner Staaten zu sichern.

 

Weiterführende Literatur:

Dembowski, Hans (2015): Klimapolitik, E+Z (Entwicklung und Zusammenarbeit) 56:6-8, S. 7.

Fuhr, Lili/Schalatek, Liane/Ugryn, Katarzyna/Permpibul , Wanun (2013): Nach der COP 19 in Warschau – Schachmatt für die internationale Klimapolitik, Heinrich Böll Stiftung. Die grüne politische Stiftung, 10.12.2013 (https://www.boell.de/de/2013/12/10/after-cop-19-warsaw-checkmate-international-climate-politics, Stand: 06.09.2015).

Honkonen, Tuula (2009): The Principle of Common But Differentiated Responsibility in Post-2012 Climate Negotiations, Review of European Community & International Environmental Law (RECIEL) 18:3, S. 257-267.

IEA (International Energy Agency) (2014): CO2 Emissions from Fuel Combustion – Highlights. Paris IEA (https://www.iea.org/publications/freepublications/publication/CO2EmissionsFromFuelCombustionHighlights2014.pdf, Stand: 15.09.2015).

Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) (2014): Climate Change 2014: Impacts, Adaptation, and Vulnerability. Part A: Gloabl and Sectoral Aspects: Working Group II Contribution to the Fifth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change. Cambridge: Cambridge University Press.

Klingenfield, Daniel (2015): Klima-Showdown in Paris, Jahrbuch Ökologie 2016, S. 153-161.

Loster, Thomas /Bals, Christoph (2015): Gelingt in Paris die Trendwende?, E+Z (Entwicklung und Zusammenarbeit) 56:6-8, S. 9-11.

Martens, Jens (2014a): Gemeinsame Ziele – unterschiedliche Verantwortung. Das Gerechtigkeitsprinzip in den Klima- und Post-2015-Verhandlungen (mit Beiträgen von Wolfgang Obenland und Hubert Schillinger). Bonn/Osnabrück: GPF (Global Policy Forum Europe)/terre des hommes.

Martens, Jens (2014b): Globale Lasten fair teilen (http://www.dandc.eu/de/article/reiche-industrielaender-wollen-das-prinzip-der-gemeinsamen-aber-unterschiedlichen, Stand: 05.01.2015).

Rajamani, Lavanja (2000): The Principle of Common but Differentiated Responsibility and the Balance of Commitments under the Climate Regime, Review of European Community and International Environmental Law (RECIEL) 9:2, S. 120-131.

Santos, Lean Alfred (2014): For Jeffrey Sachs, $100B Climate Finance target has 2 Major Problems, devex, 04.08.2015 (https://www.devex.com/news/for-jeffrey-sachs-100b-climate-finance-target-has-2-major-problems-86658, Stand: 01.09.2015).

UN (United Nations) (1992): United Nations Framework on Climate Change (http://sitemaker.umich.edu/drwcasebook/files/united_nations_framework_convention_on_climate_change.pdf, Stand: 30.11.2014).

Weischer, Lutz/Kreft, Sönke (2014): Internationale Klimakonferenzen: Von New York über Lima nach Paris, Politische Ökologie 139:4, S. 101-106.


[1] Die Senkung der globalen Erdtemperatur um 2 Grad Celsius wurde auf der Klimakonferenz in Cancún beschlossen.

[2] Bereits Ende September 2014 wurde dieses Vorhaben von mehr als 125 Staats-und Regierungschefs beim Klimagipfel des UN-Generalsekretärs Ban Ki-Moon in New York bestätigt (Weischer/Kreft 2014: 102). Aus Gründen der Lesbarkeit wird nur die männliche Form in der Schreibweise verwendet.

[3] In Cancún setzten die Mitgliedstaaten das Ziel, bis zum Jahr 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar über den Green Climate Fund zur Verfügung zu stellen (UN-Dok. FCCC/CP/2010/7/Add.1). Die Idee zu einem Green Climate Fund wurde von den Vertragsparteien im Copenhagen Accord („Übereinkunft von Kopenhagen“) festgehalten (UN-Dok. FCCC/CP/2009/11/Add.1) Allerdings wurden 2014 für den Fonds lediglich knapp 10,2 Milliarden US-Dollar zugesagt – weit entfernt von seinem eigentlichen Ziel (Santos 2014).

A Compilation of UN Documents on Disability and Education

Lessons Learned and a “Hidden Treasure”

by Julia Biermann

Recently, I compiled a corpus of documents released by UN bodies that thematically deal with disability and education. This endeavour not only taught me lessons on the practicability of UN document search in general, but has also led to a “hidden treasure” which could be recaptured in the Post-2015 debate.

First, to the practical aspects of collecting thematic-based UN documents. I used different search engines and each proved to be useful in specific areas. A search via UNBISNET United Nations Bibliographic Information System is useful to open up the field and to get a broad overview, because it allows searching for documents, speeches or voting records by title, author, country or subject, including the possibility to match each of these items. Depending on how specific the search items are, the results, however, can be quite overwhelming. I felt the search via ODS Official Document Search more useful for content related searches as the search can include and exclude exact words or phrases of the title or body and in addition offers several filters – UN bodies, commission and years. UN Documents is the fastest and most convenient way if the specific document symbol is already know. For human rights related topics and searches I can recommend two search engines: the Universal Human Rights Index, which covers the UN human rights mechanisms and offers country-specific human rights information, and the Human Rights Documents, which allows searching by body and session. To find documents in other than the six official languages, the UN German Translation Section, for example, offers a wealth of translated documents from the UN bodies and on specific themes.

Using these tools led to 128 documents in my search on disability and education related documents, which was restricted to resolutions and reports released by the General Assembly, the Economic and Social Council and the Human Rights Council. Especially two documents caught my interest, because they are no longer present in current debates on disability and education, but indeed worth noting.

First, the 2002 study Human Rights and Disability which was based on the initiative of the Commission on Human rights and was conducted by Gerard Quinn and Theresia Degener. This study paved the way towards connecting human rights and disability through exploring provisions in different UN conventions and mechanisms. Thus, the study offers quite an instructive overview about the historical way that finally led to the UN Convention on the Rights of Persons with Disabilities (UN CRPD). Between 2002 and 2008 several documents took up this study (A/HRC/7/61, A/HRC/4/75, E/CN.4/2005/82, E/CN.4/2003/82, E/CN.4/RES/2002/61).

For me, the real “hidden treasure” is the 2004 Report on the Right to Education of Special Rapporteur Vernor Muñoz Villalobos (E/CN.4/2005/50). In this report he suggests to use the concept “persons with different capacities” instead of frameworks that center on disability. He critiques that disability-centered frameworks overly treat persons as victims, underestimate their abilities and fail to impose the obligations to change on education systems rather than individuals. Interestingly, however, the Special Rapporteur`s 2005 report on Girls` Right to Education (E/CN.4/2006/45) refers only once to capacity (the capacity of all to respect and exercise human rights) and three times to girls and children with disabilities (their exclusion from education and respectively the formulation of inclusive policies). The 2007 report on The Right of Persons with Disabilities to Education (A/HRC/4/29) speaks twice about capacities of persons with disabilities and efforts to build these.

Unfortunately, I haven´t found an answer why the 2004 proposal did not create momentum. But, I found the concept “persons with different capacities” quite compelling, as it contributes to overcome the distinction, and eventually institutionalisation, of two worlds – one for persons with disabilities and one for those without disabilities.

Accordingly, this framework allows to (scientifically) reflect on current debates about a disability-inclusive Post-2015 agenda (A/RES/69/142, A/RES/68/3) and its related education goals (Incheon Declaration), either in contrast or in addition to approaches that center around (educational) disability.

To conclude, to look back can indeed be helpful to look forward.

Verantwortung und Verantwortlichkeit in den Vereinten Nationen

Das 5. UN-Forschungskolloquium hat im April in Duisburg stattgefunden. 

Am 17. und 18. April 2015 fand in Duisburg in Kooperation mit dem Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) der Universität Duisburg-Essen das 5. UN-Forschungskolloquium unserer Arbeitsgemeinschaft statt. Unter dem Oberthema „Verantwortung und Verantwortlichkeit in den Vereinten Nationen“ stellten insgesamt sieben Autor*innen in einem Kreis von etwa 20 Teilnehmer*innen ihre Arbeiten vor. Verantwortungszuschreibungen und damit verbundene Konsequenzen haben in den letzten Jahren nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in der Praxis erheblich an Aufwind erfahren, auch wenn einzelne Verantwortungszuschreibungen oft streitbar sind und auch kontrovers über sie gerungen wird.

Teilnehmer*innen des 5. UN-Forschungskolloquiums

Teilnehmer*innen des 5. UN-Forschungskolloquiums

Den Auftakt bildete ein Vortrag von Dr. Cornelia Ulbert, Wissenschaftliche Geschäftsführerin des INEF und Mitglied des Forschungsrates der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen. Sie stellte verschiedene Begriffsverwendungen und Dimensionen von Verantwortung vor und entwickelte auf dieser Grundlage Forschungsfragen, die die Diskussionen im Kolloquium anregten: Welcher Mehrwert entsteht durch Verantwortungszuschreibungen; wie, durch wen und in welchen Foren wird Verantwortung ausgehandelt und welche Folgen ergeben sich daraus? Wer sind Verantwortungssubjekte, welche Unterschiede bestehen zwischen kollektiven und individuellen Verantwortungsträger*innen? Wie konstituieren sich Autorität und Legitimität in den internationalen Beziehungen und in welche strukturellen Kontexte sind sie eingebettet?

Gerade in einer immer stärker globalisierten Welt, in der einzelne Regime-Komplexe nicht voneinander getrennt betrachtet werden können, sondern immer häufiger und an immer zahlreicheren Stellen miteinander verschränkt sind, ist Verantwortungszuschreibung ein zunehmend komplexer Vorgang, der auf verschiedenen Ebenen stattfindet. Eine entscheidende Frage ist dabei, wer als Akteur konkret Verantwortung einfordert, also ganz im Sinne des lateinischen Wortstamms von responsibility (respondere) eine Antwort eines anderen Akteurs zu erwirken sucht. Hier treten heute vor allem Individuen als eigenständige Akteure neben Staaten und fordern auch auf der internationalen Ebene Verantwortung von Staaten und internationalen Organisationen, insbesondere der Vereinten Nationen, ein – auch wenn es für letztere, wie in verschiedenen Beiträgen betont wurde, derzeit kein Forum gibt, in dem diese Verantwortungszuschreibung rechtlich durchsetzbar wäre.

Die Vereinten Nationen als kollektiver Akteur unterliegen selbstverständlich Verantwortungszuschreibungen in zweierlei Hinsicht: Zum einen nach außen hin, gegenüber Staaten, Einzelpersonen und anderen internationalen Organisationen, zum anderen aber auch intern. Hier gibt es eine Vielzahl von internen Rechenschaftspflichten insbesondere des Sekretariats gegenüber der Generalversammlung. Gleichzeitig sind interne Prozesse auch relevant für die Frage, inwieweit die Vereinten Nationen ihrer Verantwortung nach außen hin gerecht werden kann, wie die vergleichsweise neue „Human Rights Up Front“-Initiative zeigt, die v.a. durch Maßnahmen innerhalb der Vereinten Nationen, auf der Mitarbeiterebene, schweren Menschenrechtsverletzungen vorbeugen möchte. Eine ganz andere Dimension von Verantwortung wird da angesprochen, wo nicht Verantwortung eingefordert, sondern aktiv übernommen wird.

Ein Schwerpunkt lag auf Fragen der Friedenssicherung und menschenrechtlichen Aspekten, wohingegen etwa Umweltfragen in Einzelbeiträgen nicht besprochen wurden, wenngleich Verantwortung auch in diesem Politikfeld – zum Beispiel durch das im Bereich der Nachhaltigkeit entwickelte Konzept der „common but differentiated responsibility“ – von Bedeutung ist. Gleichwohl zeigte das Kolloquium mit rechtswissenschaftlichen und politikwissenschaftlichen Beiträgen einmal mehr, wie fruchtbar der Austausch mit Nachbardisziplinen sein kann, auch weil so die eigenen Begrifflichkeiten noch einmal hinterfragt wurden.

Das Kolloquium bot aber nicht nur Gelegenheit zur Diskussion, sondern auch einen Einblick in die Geschichte des Ruhrgebiets: Ein ehemaliger „Thyssianer“ erklärte im Rahmen einer durch das INEF geförderten Führung durch den Landschaftspark Nord allerlei Wissenswertes zu dem stillgelegten Hüttenwerk, das heute verschiedene kulturelle und sportliche Institutionen beheimatet. Wir danken dem INEF für die gute Unterstützung und allen Teilnehmer*innen für die anregenden Diskussionen und freuen uns auf das 6. UN-Forschungskolloquium im nächsten Jahr.