Das Ende des Boy’s Club?

Appointment of the Secretary-General of the United Nations [item 113]

(c) UN Photo/Cia Pak

von Albert Denk

Nun wurde es also doch wieder ein Mann. Nein, dieser Beitrag handelt nicht von Donald Trump, zumindest nicht direkt. Die Rede ist von António Guterres. Der Portugiese wird zum 1. Januar 2017 neuer Generalsekretär der Vereinten Nationen – „als Stimme der Welt, ja als ein weltlicher Papst“. Die Wahl von António Guterres steht sinnbildlich für die männliche Dominanz in Führungspositionen bei den Vereinten Nationen. Guterres selbst verspricht, diese Art von boy’s club zu verändern. So berief er vor wenigen Tagen drei Frauen auf hochrangige Positionen. Doch wieder einmal ist es ein Mann, der eine Frau als seine Stellvertreterin benennt und nicht umgekehrt. Die mächtigste Position der Weltorganisation bleibt auch nach 71 Jahren männlich besetzt.

Am 5. Oktober wurde das Ergebnis der Wahl vom UN-Sicherheitsrat verkündet, dabei handelte es sich um 14 Männer und eine Frau. Nach Anne Marie Goetz bedeuten männerdominierte Beschlüsse wie diese, dass weibliche Führung nicht nur selten, sondern eigentlich unvorstellbar ist. Zivilgesellschaftliche Kampagnen wie WomanSG oder 1for7Billion plädierten für eine Frau als nächste Generalsekretärin. Dennoch verlief die Wahl von Guterres überraschend schnell und nahezu widerspruchslos. Obwohl sich sieben weibliche Kandidatinnen bewarben, die ebenso höchst qualifizierte und erfahrene Anwärterinnen für das Amt sind, wurde keine weibliche Generalsekretärin gewählt. Selbstverständlich sind die Ursachen tiefgreifender, dennoch kann die Ablehnung sämtlicher Bewerberinnen als mangelnde Geschlechtergleichheit gedeutet werden.

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hätte die Wahl des Generalsekretärs (sowie die Nicht-Wahl einer Generalsekretärin) auf die zu Grunde liegenden Machtverhältnisse zurückgeführt und damit mangelnde Chancengleichheit aufgezeigt. António Guterres verkörpert sämtliche Privilegien, die als klassische Diskriminierungskategorien zu einer sozialen Reproduktion von ungleich verteilter Macht führen. Dazu zählen Hautfarbe, Religion, soziale Schicht, Staatsbürgerschaft und vor allem Geschlecht. Guterres ist bekanntlich ein Mann – zudem ein weißer, katholischer, der sozialen Oberschicht angehörender, europäischer und aus einer ehemaligen Kolonialmacht stammender.

So kann Guterres‘ Wahl symbolisch für die Machtverhältnisse innerhalb der Vereinten Nationen gedeutet werden. Wie groß diese symbolische Macht ist, zeigt sich insbesondere in folgenden Zahlen zur Geschlechtergerechtigkeit. In der 71-jährigen Historie der Vereinten Nationen gab es 424 männliche und 28 weibliche Ausschussvorsitzende, 68 männliche und 3 weibliche Vorsitzende der Generalversammlung sowie 9 männliche Generalsekretäre und keine einzige weibliche Generalsekretärin. Im letzten Jahr gingen 9 von 10 Führungspositionen bei den Vereinten Nationen an Männer. Angela Kane, bis 2015 Hohe Repräsentantin der Vereinten Nationen für Abrüstungsfragen, betont: „Außer im Fall der USA wurde kein anderer Staat der vier ständigen Sicherheitsratsmitglieder je von einer Frau vertreten“. Die USA wiederum haben bis heute noch nicht einmal das UN-Übereinkommen von 1979(!) zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW) ratifiziert.

Wie eingangs erwähnt, bemüht sich Guterres, den boy’s club zu reformieren. Neben der Berufung von Amina Mohammed als stellvertretende Generalsekretärin, ernannte Guterres nun Maria Luiza Ribeiro Viotti als chef de cabinet und Kyung-wha Kang als Sonderberaterin. Bereits im Juni betonte er gegenüber den UN-Mitgliedsstaaten, einen Plan mit Zeitrahmen und Richtwerten vorzulegen, um Geschlechterparität auf allen Ebenen der Vereinten Nationen zu erreichen. Die Plattform openDemocracy attestiert ihm messbare Verbesserungen bei der geschlechtergerechten Stellenbesetzung während seiner Zeit als Hochkommissar der UN für geflüchtete Menschen (UNHCR) zwischen 2005 und 2015. Bei einer öffentlichen Debatte in London veranschaulichte er zudem sein Engagement für eine Geschlechterquote in seiner Partei sowie das Erreichen der Geschlechtergerechtigkeit beim UNHCR.

Christiana Figueres, eine der sieben weiblichen Bewerberinnen um das Amt der UN-Generalsekretärin, beschreibt den Ausgang der Wahl als bittersüß: „Bitter: keine Frau. Süß: bei weitem der beste Mann im Rennen. Gratulation António Guterres! Wir sind alle mit dir.“ Dieser Tweet zeigt, wie unumstritten die fachliche Qualifikation von Guterres ist, der in den letzten zehn Jahren viel Anerkennung erhalten hat. Guterres hat mit eigenen Augen die (Un-)Orte globaler Gleichgültigkeit gesehen. So hat er die Tragik von Lampedusa, Lesvos oder Presevo vor Ort miterlebt und vor allem mitgefühlt. Guterres sagte selbst: „You can’t imagine what it is to see levels of suffering that are unimaginable“. Dieser Erfahrungsschatz gekoppelt an Empathie macht Guterres zu einem vertrauenswürdigen Vertreter globaler Solidarität.

António Guterres wird eine Neuausrichtung globaler Machtverhältnisse einleiten müssen unter dem Aspekt der Geschlechtergerechtigkeit. Die besondere Schwierigkeit dabei ist, dass Guterres selbst Teil der privilegierten Gruppe (weißer) Männer ist und gleichzeitig dafür sorgen muss, jene Privilegien abzubauen. Ob es ihm gelingen wird, das Ende des boy’s club zu bewirken, bleibt offen. Angela Kane stellte noch vor wenigen Monaten die rhetorische Frage: „Ist es nicht höchste Zeit, dass nach acht Generalsekretären ab dem Jahr 2017 eine Frau die Geschicke der Organisation lenkt?“ Die Antwort ist bekannt. António Guterres wird neuer UN-Generalsekretär.

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