Fragiler Schutz

Bei der UN-Friedensmission im Südsudan

Gerrit Kurtz

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Gedrungene, dunkelgrüne Bäume sprenkeln die weite Ebene unter uns, die sich kaum zu einer Ansammlung verdichten, welche die Bezeichnung Wald verdiente. Nur selten tauchen strohbedeckte Hüttenrunden in dem Muster auf, begleitet von weißen Punkten: Kühe sind das Ein und Alles hier: Lebensunterhalt, Statussymbol, Konfliktanlass.

Ich bin im Südsudan, dem jüngsten Staat der Erde. Den weißen Nil immer im Blick befinden wir uns im Anflug auf Bor, die Landeshauptstadt von Jonglei, dem bevölkerungsreichsten Bundesstaat des Landes. Im weißen UN-Helikopter sitzen sich Offiziere und Zivilisten aus Indien, Australien, der Schweiz und anderen Ländern gegenüber. Meine beiden Kollegen und ich wollen in den kommenden Tagen herausfinden, wie die UN Mission im Südsudan (kurz UNMISS) zur Bearbeitung lokaler Konflikte beiträgt. Dafür besuchen wir zivile Teams an drei Standorten; Bor ist unser erster Stopp.

Sanft setzt der Hubschrauber auf dem planierten, nicht geteerten Rollfeld auf. Kaum ausgestiegen begrüßt uns Erik, ein gut gelaunter Endfünfziger aus Schweden, der uns in den kommenden Tagen auf vielen Treffen begleiten wird. Die Vereinten Nationen haben ihr Camp direkt gegenüber vom Flughafen errichtet. In immer-gleichen weißen Containern arbeiten und schlafen die Mitarbeiter der Mission. Um die Büros und Wohneinheiten herum haben die militärischen Kontingente ihre Lager aufgeschlagen. Neben Offizieren und kleineren Einheiten aus vielen verschiedenen Ländern sind das vor allem vier Länder: ein indisches und ein äthiopisches Bataillon, eine koreanische Ingenieurseinheit und ein sri lankisches Militärkrankenhaus. Insgesamt sind im dem Land, das ungefähr so groß wie Frankreich ist, über 11.200 Soldaten für die Vereinten Nationen stationiert, dazu etwa 2.300 zivile Mitarbeiter und 1.100 Polizeikräfte.

Seit der Unabhängigkeit im Juli 2011 hatte der Südsudan kaum Zeit, zur Ruhe zu kommen. Insbesondere in Jonglei fanden wiederholt Kämpfe zwischen bewaffneten Gruppen und Regierungseinheiten statt. Bewegungen von Militäreinheiten sind dabei weitgehend auf die vielleicht viermonatige Trockenzeit begrenzt. Wenn es anfängt, dauerhaft zu regnen in dieser sumpfigen, flachen Gegend, werden weite Gebiete überschwemmt. Der Boden wird derart zäh, dass kein landgetriebenes Fahrzeug durchkommen kann. Selbst mit Gummistiefeln bleibe man häufig stecken: im Grunde könne man in solchen Situationen nur barfuß laufen, hatte uns ein ehemaliger UN-Mitarbeiter in Berlin erzählt.

Das gesamte Land stürzte in eine tiefe Krise, als am 15. Dezember 2013 ein Machtkampf zwischen dem Präsidenten Salva Kiir und seinem langjährigen Weggefährten und ehemaligen Vizepräsidenten Riek Machar außer Kontrolle geriet. Binnen kürzester Zeit nahm der politische Streit eine ethnische Dimension an, da Kiir und Machar unterschiedlichen Volksgruppen angehören und diese innerhalb der Regierungsarmee mobilisierten. Im Zuge dessen töteten Einheiten, welche der Gruppe des Präsidenten angehören (Dinka), Zivilisten der Nuer in Juba, welche sie der Sympathie mit dem als Putschisten geschassten Machar beschuldigten. Innerhalb weniger Tage weitete sich der Konflikt auf andere Teile des Landes aus; Gegenden, in denen viele Nuer leben, wurden zur Basis der bewaffneten Opposition unter Machar. Auch in Bor fanden heftige Kämpfe statt. Die Stadt wechselte die Kontrolle zwischen Regierung und Opposition viermal innerhalb weniger Wochen.

In den umkämpften Gebieten fürchteten viele Menschen um ihr Leben. Ihre eigene Regierung wandte sich gegen sie. Wo würden sie noch sicher sein? Die blaue Fahne der Vereinten Nationen versprach Rettung. Zu tausenden strömten Menschen im Dezember 2013 zu den Lagern der UN-Mission. Vor die Wahl gestellt, verantwortlich für die Versorgung von tausenden von Menschen zu sein oder zuzusehen, wie diese vor ihren Augen abgeschlachtet würden, ordnete die damalige Leiterin von UNMISS, die Norwegerin Hilde Johnson, an, die Tore zu öffnen. Auch das Lager in Bor öffnete seine Tore. „Am ersten Tag kamen 2.000, am zweiten waren es bereits 16.000 Menschen auf unserem Gelände“, erzählt uns ein UN-Mitarbeiter an unserem ersten Abend. „Wir waren nicht dafür ausgerüstet. Wir hatten kein Essen, keine Unterkünfte für diese Menschen.“ Wegen der Kämpfe wurden gleichzeitig viele Mitarbeiter von Hilfsorganisationen evakuiert: „Wir waren auf uns selbst gestellt in den ersten Tagen“, sagt er.

Anderthalb Jahre später sind viele Flüchtlinge immer noch da. Mittlerweile versorgen die Vereinten Nationen etwa 130.000 Menschen auf dem Gelände ihrer Stützpunkte im Südsudan (in Bor sind es noch etwa 2.400). Nie zuvor in ihrer Geschichte hat die Organisation so viele Personen über so einen langen Zeitraum direkt geschützt.

Straße zwischen Bor Town und den UNMISS Lager. Hier kam der gewaltsame Mob am 17. April 2014 entlang.

Straße zwischen Bor Town und den UNMISS Lager. Hier kam der gewaltsame Mob am 17. April 2014 entlang.

Am nächsten Morgen fahren wir mit Erik die breite Straße runter in die Stadt. Kühe säumen den Weg, Büros von internationalen Hilfsorganisationen und verlassene Villen lokaler Größen. Die meisten Einwohner von Bor wohnen in traditionellen Lehmhütten, die über ein weites Gebiet um die Hauptstraßen verteilt sind. Im Zentrum brummen Marktstände mit Leben, deren Auswahl allerdings auf wenige Güter wie Reis, Bohnen, Mehl, Tomaten, Zwiebeln, Okraschoten und weitere weitgehend importierte Güter beschränkt ist. Dazu kommt die hohe Inflation – ein kleines Bündel Zwiebel kostet schon mal 25 südsudanesische Pfund, über zwei Euro.

Wir treffen einen Minister der Landesregierung, der zum Einstieg betont, es gäbe keine Konflikte mehr in Jonglei, nur noch ab und an kriminelle Aktivitäten. Ja, die Rebellen kontrollieren einen erheblichen Teil im Norden von Jonglei, aber im Grunde ginge es dabei nur um politische Macht in der Zentralregierung in Juba. „Wir wollen Botschaften des Friedens im gesamten Land verbreiten“, sagt er. Wie ernst er es damit meint, bleibt unklar.

Die Wunden sitzen tief, gerade hier in Bor. Die Regierungsarmee vertrieb die Opposition aus der Stadt, was Flüchtlingen anderer Ethnien und nationaler Herkunft erlaubte, das UN-Lager zu verlassen. Nur die Nuer, welche der gleichen Volksgruppe wie die Rebellen angehören, blieben, weil sie Übergriffe von Regierungskräften gegen sie fürchteten. Die Beziehung zwischen der überwiegend von Dinka bewohnten Stadt und den Flüchtlingen blieb angespannt: Nuer wurden regelmäßig belästigt und angegriffen, wenn sie das Lager verließen. Als Berichte in Bor eintrafen, dass Nuer-Flüchtlinge in einer nördlichen Stadt des Landes dessen Eroberung durch die Opposition gefeiert hätten, griff die Stimmung über.

Ein UN-Bericht detailliert, was am 17. April 2014 geschah: Morgens sammelte sich eine aufgebrachte Menge von hundert bis dreihundert jungen Männern, die sich mit Gewehren und Stöckern ausgestattet in einem Zug von der Stadt auf das UN-Lager zu bewegten. Sie umrundeten das Lager und gelangten zur der Seite, wo sich das Flüchtlingslager befand. Etwa zwanzig Männer überwanden den Zaun, Graben und Stacheldraht-bewehrten Wall, übermächtigen die Wache schiebenden UN-Soldaten und ließen mehre Dutzend weitere Männer herein. Die Angreifer gingen von Zelt zu Zelt, raubten die Insassen aus, schlugen sie und raubten Frauen. Sofern sie ihre Opfer nicht an den für Nuer typischen Gesichtsnarben erkannten, fragten sie ihre Opfer, welcher Volksgruppe sie angehörten und droschen auf sie ein, wenn diese nicht in Dinka antworten konnten. Der Angriff ebbte erst ab, als etwa eine halbe Stunde später eine schnelle Eingreiftruppe der UN einrückte.

47 Menschen starben in Folge dieses Angriffs innerhalb des UN-Lagers, und dass, obwohl sie „umgeben von Panzern“ waren, wie uns der hagere Vorsitzende des Flüchtlingsrats innerhalb des Lages später erzählt. Wieder einmal waren die Erwartungen auf Schutz und Sicherheit durch die blaue Flagge der Vereinten Nationen aufs Bitterste enttäuscht worden. Bis zum heutigen Tag ist keiner der Täter zur Rechenschaft gezogen worden.

Gut ein Jahr später gibt es jedoch auch Zeichen der Hoffnung. Ein lange schwelender Konflikt zwischen einer bewaffneten Gruppe einer dritten Volksgruppe, den Murle, konnte letztes Jahr beigelegt werden. Erst vor kurzem gab es eine weitere politische Annäherung auf Landesebene mit einem hochrangigen Treffen von Vertretern der ehemaligen Murle-Rebellen und der Landesregierung. Während in anderen Bundesstaaten des Südsudan sich die Opposition um Machar und die Regierungsarmee gerade Gefechte liefern, ist es in Jonglei relativ ruhiger. In einigen Gebieten mit traditionell gemischter Dinka-Nuer Bevölkerung scheint es vorsichtige Annäherungen zu geben. Die Vereinten Nationen unterstützen diese Prozesse nach Kräften. Ihr Zugang zu den Rebellengebieten ist allerdings sehr begrenzt.

Die Vereinten Nationen haben eine große Verantwortung übernommen für die Flüchtlinge, die direkt in ihren Lagen leben. Sie versprechen ihren Schutz, aber greifen teilweise nicht entschieden genug ein, wenn es darauf ankommt. Mittlerweile bindet der Schutz der eignen Lager und der angeschlossenen Flüchtlingslager über drei Viertel der militärischen Ressourcen und einen Großteil der humanitären Hilfe – dabei leben die allermeisten Flüchtlinge und Hilfsbedürftigen außerhalb der Lager, häufig in schwer zugänglichen Gegenden. Schwierige Entscheidungen stehen bevor.

Leise schlägt der Regen auf die Fensterscheiben. Wir fliegen zurück nach Juba, unsere Zeit in Bor ist zu Ende. Die Soldaten, Offiziere, humanitären Helfer und zivilen Mitarbeiter der UN Mission werden jedoch noch lange bleiben müssen.

Dieser Text gibt ausschließlich die Meinung des Verfassers wieder und entspricht weder notwendigerweise der Einschätzung der Vereinten Nationen noch von GPPi.

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